Dienstag, 11. Januar 2011

I: 5.3 Mit ISO gegen SNA (Teil 1)

"Wenn es einen globalen Krieg zwischen IBM und AT&T geben wird, ist es gut, wenn Italien auf beiden Seiten steht", zitiert die Financial Times "einen scharfen Beobachter der italienischen Telekommunikations-Szene". Er drückt damit jene Position aus, die den Europäern in diesem Kampf der Giganten am liebsten waäre: souveräne Neutralität. (1)
"Das ist der geheime Wunsch, der hinter allen Kooperationen mit und gegen IBM und AT&T steht. Auf mich wirken sie halbherzig und widersprüchlich", analysiert Klaus Sabirowsky. "Es fehlt in Europa eine klare und vor allem innovationsfreudige Kooperationsstrategie."
"In Wirklichkeit haben wir den Traum von einem sich selbst bestimmenden Europa immer noch nicht aufgegeben", meint auch der Karlsruhe Technologie-Experte Schlagenhauf.
In der Tat - trotz ihrer Kooperationen mit dem Giganten AT&T und IBM, aber auch mit den Japanern, die bereits seit Mitte der siebziger Jahre vor allem im Computerbusiness auf Zusammenarbeit setzen, wollen sich die europäischen Firmen einen Rest von Souveränität bei der Gestaltung der Telekommunikationslandschaft auf dem Alten Kontinent erhalten.
So schlossen sich am Jahresanfang 1984 die Technologiehersteller AEG, Nixorf und Siemens, GEC, ICL und Plessey (Großbritannien), Bull Thomson und CGE (Frankreich), Olivetti und STET (Italien) sowie Philips (Niederlande) zu einem Normenausschuss zusammen. Sie wollen einen europäischen Standard entwickeln, der ein Höchstmaß an Verträglichkeit zwischen den Endgeräten dieser Hersteller ermöglicht. Das Feindbild dieser Allianz: IBM.
Das Konglomerat will eine weltweite Vorreiterrolle auf dem Weg zu "offenen Systemen" spielen. Während die Postverwaltungen mit dem Einzug der Dogitaltechnik in den öffentlichen Vermittlungsanlagen ihre Netze vereinheitlichen wollen, suchen die Computerhersteller einen gemeinsamen Standard bei den Endgeräten.

Montag, 10. Januar 2011

I: 5.2 Am Rockzipfel von Mother Blue (Teil 8)

2. AT&T in Spanien
In Spanien verhandelte der Koloss mit Erfolg mit dem dortigen Wirtschaftsministerium über den Aufbau eines Halbleiterwerks für rund 200 Millionen Dollar, in denen die supermodernen Mikroprozessoren (32 Bit) hergestellt werden sollen.
Damit würde sich AT&T endgültig eine Startbasis in die Europäische Gemeinschaft sichern, in die Spanien 1986 aufgenommen werden will. Ein weiterer Coup ist dem Tele-Goliath dabei mit der halbstaatlichen Fernmeldeverwaltung Compania Telefonica Nacional de Espana geglückt, der als Partner für die Fertigungsstätte auftritt. Diese Ende Juli 1985 beschlossene Kooperation mit Telefonica ist deshalb wichtig, weil die Spanier derzeit noch eng mit ITT zusammenarbeiten - dem neuen "Erzrivalen" von AT&T. ITT will ebenfalls 200 Millionen Dollar in Spanien investieren. Das eigentliche Ziel von AT&T ist indes in greifbare Nähe gerückt. Sie will die offensichtliche Anti-AT&T-Stimmung bei der europäischen Fernmeldevereinigung CEPT durchbrechen. (13)
Fortsetzung folgt: Kapitel 5.3 Mit ISO gegen SNA

Sonntag, 9. Januar 2011

I: 5.2 Am Rockzipfel von Mother Blue (Teil 7)

1. AT&T in Großbritannien
Auf den britischen Inseln sicherte sich AT&T bereits die Zusammenarbeit des Computerherstellers ICL. Beide wollen ihre elektronischen Computernetzwerke miteinander verbinden, über die dann Kunden zum Beispiel Datenaustausch und Elektronische Post betreiben, Informationen aus Datenbanken abfragen oder Computerleistung anfordern können. Das ICL-Netzwerk ist als eine direkte Konkurrenz zu dem Gemeinschaftsprojekt von IBM und British Telecom zu verstehen, das die beiden Unternehmen derzeit planen. Diese Partner können damit als globale Netzbetreiber auf dem Markt auftreten. (9)
Dick im Geschäft mit Großbritannien ist die amerikanische Technologiemacht AT&T bei der Realisierung eines ehrgeizigen Kabelprojektes, das die USA mit dem Inselstaat verbinden soll. (10) Die beiden Länder verlegen mit einem Aufwand von 323 Millionen Dollar bis 1988 ein transatlantisches Glasfaserkabel, das die beiden Staaten miteinander verbinden wird. AT&T beteiligte sich mit 123 Millionen Dollar selbst an diesem Projekt und erhielt dafür mit 249 Millionen den Löwenanteil des Auftrags.
Das Kabel ist 4500 Kilometer lang. Seine Übertragungskapazität übertrifft die bisherigen Kupferkabel um den Faktor 4. Es kann 37.800 Telefongespräche gleichzeitig übertragen. Die Lebensdauer der langen "Lichtleitung": 25 Jahre. Insgesamt verbinden derzeit sieben Kabel die beiden Kontinente.
Mit der von der British Technology Group aufgekauften kanadischen Firma Aregon schloss AT&T Mitte 1984 einen Vertrag über die Entwicklung und Vermarktung von Videotex-Software. Aregon gilt als eine der Pioniere auf dem Gebiet Bildschirmtext.
Kein Glück hatte die US-Firma bei ihrem Versuch, den britischen Halbleiter-Hersteller Inmos aufzukaufen. Rund 45 Millionen Pfund soll der Riese der Technologieschmiede angeboten haben. Zum Zuge kam jedoch im Juli 1984 der einheimische Elektronikkonzern Thorn EMI PLC., der 95 Millionen Pfund für eine 76-Prozent-Beteiligung auf den Tisch des Hauses legte. Diesen Anteil hatte zuvor die britische Regierung gehalten. (12)

I: 5.2 Am Rockzipfel von Mother Blue (Teil 6)

4. IBM in Italien
Hier sucht IBM die Zusammenarbeit mit dem Fernmeldemonopol STET - sehr zum Ärger von Olivetti, die dagegen vergeblich intervenierte und sich bemühte, ihren Hauptaktionär AT&T ins Spiel zu bringen.
Der Relefonriese versucht nämlich mit aller Macht, in den Technologiemärkten Europas, in denen er durch die Arrangements mit Philips in Holland und Olivetti in Italien erste Marginalien gesetzt hat, noch weiter Fuß zu fassen.

Donnerstag, 6. Januar 2011

I: 5.2 Am Rockzipfel von Mother Blue (Teil 5)

3. IBM in Frankreich
In Frankreich erstellt IBM zusammen mit der französischen Post Telegraphe et Telephone (PTT) ein elektronisches Auskunftssystem. Sie verhandelt mit dem Staatskonzern CGE über eine Zusammenarbeit auf den Gebieten Telekommunikation und Datenverarbeitung. (6)
"Die Sozialisten erscheinen mehr marktorientiert zu denken als die früheren Regierungen. Die Beziehungen sind leichter und weniger formal als früher", erklärt Hervé Caron, Planungschef der IBM Frankreich, die mit den Franzosen ganz andere Erfahrungen zu machen scheint als Olivetti oder Philips, die nur noch auf Nebenschauplätzen mit den Staatsfirmen kooperieren. (7)
Immerhin ist IBM der fünftgrößte Exporteur in Frankreich und einer der wichtigsten Steuerzahler. Jean Le Garec, Planungsschef der französischen Regierung, arbeitete 26 Jahre bei der IBM, bevor er in den Staatsdienst überwechselte. Frankreich fürchtet vor allem um seine internationale Wettbewerbsfähigkeit, die sie sich durch IBM zu sichern sucht. "Unsere Größe entspricht einem Sechstel von Western Electric, einem Drittel bis zur Hälfte von ITT, der Hälfte von Siemens und zwei Drittel von L.M. Ericsson", sieht George Péberau, Managing Director von CGE, seine Firma am Schluss jener Gruppe von Telekommunikations-Herstellern, die als Sieger in dem Wettrennen um die Fernmeldemärkte hervorgehen werden. (8)

I: 5.2 Am Rockzipfel von Mother Blue (Teil 4)

2. IBM in Großbritannien
Mit British Telecom (BT), der (noch) staatlichen Fernmeldeorganisation Großbritanniens, plant IBM nicht nur Satellitennetze. (2) Hier realisiert sie zusammen mit BT und Clearing Banken ein Teleshopping-Projekt, an das in der ersten Stufe 100.000 Endgeräte angeschlossen werden sollen. (3) Sie beliefert BT mit Großrechnern. Das britische Post Office (die von der Fernmeldewelt getrennte Gelbe Post auf der Insel) orderte Anfang April 27 Telefonanlagen vom Typ IBM 1750, um dadurch sein internes Kommunikationsnetz zu erneuern. (4)
Als wirklich spektakulär muss jedoch die Ende Juli 1984 veröffentliche Absicht IBMs gewertet werden, mit British Telecom ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen, das als Netzbetreiber ein umfassendes Informationsnetzwerk auf der Insel errichten will. (5)

Mittwoch, 5. Januar 2011

I: 5.2 Am Rockzipfel von Mother Blue (Teil 3)

1. IBM in der Bundesrepublik Deutschland
Die Deutsche Bundespost entwickelte gemeinsam mit der IBM Deutschland GmbH den neuen Dienst "Bildschirmtext", dessen bundesweite Einführung nach einem Jahr Verspätung 1984 sukzessive vollzogen wird. Mit Siemens - so munkeln Insider - habe IBM insgeheim eine Art Stillhalteabkommen geschlossen, was von IBM energisch dementiert wird. Immerhin liefern die Münchner an den Rechnerriesen Speicherchips und vermarkten seit 1983 IBMs erfolgreiche Plattenspeicher 3380 statt der kompatiblen Produkte ihres japanischen Großrechner-Lieferanten Fujitsu.
Solche Abkommen lassen den Eindruck entstehen, dass IBM und Siemens untereinander ihre Interessen abgleichen. Es sieht so aus, als wollten sie sich nicht gegenseitig ins Gehege kommen. So verkündete IBM-Geschäftsführer Edmund Michel, zuständig für den Unternehmensbereich "Neue Märkte" (5000 Mitarbeiter), dass die deutsche Tochter sich nicht um eine Teilnahme an der Ausschreibung der Bundespost bei der Realisierung des digitalen Vermittlungsnetzes bemüht habe. Hier wie im Ausland muss Siemens zunehmend mit amerikanischer Konkurrenz fertig werden. Zum Beispiel mit ITT und deren deutschen Tochter Standard Elektrik Lorenz (SEL), die erstmals neben den Münchnern als Lieferant für öffentliche Vermittlungssysteme von der Bundespost ausgewählt worden war. Jetzt gilt es für Siemens, IBM abzuwehren. Denn durch die 1983 vollzogene Beteiligung an dem kalifornischen Telefonbauer ROLM (22 Prozent) ist der blaue Riese mittelfristig durchaus in der Lage, bei der Digitalisierung der öffentlichen Netze technologisch mitzuhalten. Schon plant der Computerhersteller Mitte 1984 die Gründung einer Gesellschaft in der Bundesrepublik, die zusammen mit Rolm private Telekommunikationsgeräte vermarkten soll.